Auf ein Wort

Liebe Gemeinde!

„Is this the real life? Is this just fantasy?” “Ist dies das wahre Leben oder nur Einbildung?”
So beginnt eines der berühmtesten Lieder der Popgeschichte – Bohemian Rhapsody von Queen. Ich war noch Teenager, als ich es zum ersten Mal hörte, aber die Eingangsfrage dieses Liedes hat mich sofort gefesselt und lange beschäftigt. Könnte diese Welt nur eine Einbildung sein? Ich nehme diese Welt ja nur aus meiner ganz persönlichen Sicht wahr. Keiner empfindet so wie ich. Bin ich daher der einzige Mensch, der existiert und alles andere – auch alle anderen Menschen – reine Phantasie? Gibt es ein höheres Wesen oder einen Roboter, der alles so steuert, dass ich meine, alles um mich herum sei echt? In Wirklichkeit aber ist alles nur Einbildung?
Diese Gedanken bewegten mich als jungen Menschen sehr. Später dann erfuhr ich, dass ich nicht alleine bin mit meinen Gedanken. Es gibt sogar ein Fachwort in der Philosophie dafür, nämlich Solipsismus von lat. solus = allein und ipse = selbst. Nur das eigene Ich existiert demnach. Philosophen wie René Descartes, Arthur Schopenhauer oder Ludwig Wittgenstein haben sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie die Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins zu beschreiben ist. „Die Außenwelt könnte ein bloßer Traum sein“, konstatiert Descartes.
Ich muss gestehen, dass mich das Nachdenken darüber so manches Mal zur Verzweiflung brachte: Bin ich etwa der einzige Mensch auf der Welt? Es passiert doch so viel um mich herum. Doch wenn alles nur Phantasie sein sollte, dann bin ich der einsamste Mensch auf Erden.
Im Laufe der Jahre hat sich meine Verzweiflung jedoch in die Gewissheit verwandelt: Ich bin nicht allein. Dabei hat mir im Theologiestudium das Menschbild des Alten Testaments sehr geholfen. Es beschreibt, dass jedes Ich auf ein Du bezogen ist. Sonst könnten wir nicht existieren. Schon im Schöpfungsbericht der Bibel wird das deutlich. Gott schafft Adam aus der Erde. Noch ist er allein. Gott spricht daher: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Männin machen, die um ihn sei.“ Hier liegt ein Wortspiel im Hebräischen vor: Mann heißt isch und Frau ischa, was man im Deutschen mit Mann und Männin wiedergeben kann. Den Rest der Geschichte kennen wir: Gott lässt den Mann in einen tiefen Schlaf fallen, nimmt
eine seiner Rippen und schafft die Frau als sein Gegenüber. Als Adam sie sieht, spricht er verzückt: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Hier wird deutlich, dass bereits der erste Mensch auf einen anderen Menschen bezogen ist. Beide gehören von Beginn an zusammen. Ein Ich bleibt nicht für sich, sondern braucht ein Du. Sogar innerhalb der Trinität Gottes gibt es eine Wechselbeziehung von Ich und Du, indem der Vater mit dem Sohn und dem Heiligen Geist korrespondiert. Gott übt quasi einen innertrinitarischen Dialog, welcher durch die Liebe bestimmt ist. Diese Liebe geht sogar über die Grenzen Gottes hinaus, indem er den Menschen zu seinem Gegenüber und als sein Ebenbild schafft. Gott will also nicht für sich bleiben, sondern tritt in Kontakt mit den Menschen, sucht sich später ein Volk, welches er mit seiner großen Liebe begleitet. Schließlich kommt er in seinem Sohn Jesus Christus sogar auf unsere Welt. Denn Gott wollte ganz genau wissen, wie wir Menschen sind. Das ist ein großes Wunder. Wenn man sich das vor Augen hält, verwandelt sich unsere Verzweiflung in Freude. Gott ist immer bei uns. Wir sind nicht allein. Er schenkt uns Menschen, die uns antworten, wertschätzen, grüßen, liebhaben, umarmen, begleiten, trösten, aufmuntern, neuen Mut schenken. Was wären wir ohne unsere Nächsten? Und was wären wir ohne Gott?
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) bringt es auf den Punkt:

Wo ich gehe – du!
Wo ich stehe – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Ergeht’s mir gut – du!
Wenn’s weh mir tut – du!
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!
Himmel – du, Erde – du,
Oben – du, unten – du,
Wohin ich mich wende, an jedem Ende.
Nur du, wieder du, immer du!
Du, du, du!

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Martin Gohlke

 

Zurück

© Evangelische Kirchengemeinde Wickrathberg